Bandscheibenvorfälle sind unheimlich. Und viele Menschen haben Angst vor dieser Diagnose. Sie fürchten, dann:
- für immer Probleme zu haben,
- dass nur eine OP helfen kann oder
- nie wieder ihren Sport machen zu können.
Undifferenzierte Aussagen wie "Sie dürfen nicht mehr als 5 kg heben!" helfen den Betroffenen nicht weiter. Im Gegenteil!
Zusätzlich zu den ohnehin kraftraubenden Symptomen kommt noch Verunsicherung und Angst dazu, etwas verkehrt zu machen.
Darum ist eine gute und vor allem wissenschaftlich-fundierte Aufklärung enorm wichtig! Sie hilft dabei positiv und zuversichtlich zu bleiben und die richtigen Maßnahmen zu ergreifen.
Die folgenden 5 Fakten sind wissenschaftlich-fundiert und überraschend positiv.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ist nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben und enthält aktuelle Ergebnisse aus der modernen Forschung. Dennoch ersetzen die Inhalte keine ärztliche Beratung, sondern dienen lediglich der Information.
1
Nicht jeder Bandscheibenvorfall macht Probleme
Du hast Rückenschmerzen. Du gehst zum Arzt. dieser ordnet ein MRT an. Dort ist es eindeutig zu sehen: Ein Bandscheibenvorfall in der LWS! Das muss die Ursache für die Rückenschmerzen sein, oder?
Nicht unbedingt.
Denn Veränderungen an Bandscheiben treten auch bei Menschen auf, die keinerlei Probleme haben [1]. Beispielweise haben:
- 52% der 30- bis 40-jährigen eine Bandscheibendegeneration ohne Symptome,
- 50% der 40- bis 50-jährigen haben einen Bandscheibenvorfall ohne Symptome,
- 36% der 50- bis 60-jährigen haben eine Bandscheibenvorwölbung ohne Symptome
Das bedeutet für dich: Nur weil etwas auf dem MRT zu sehen ist, muss es nicht unbedingt die Ursache für die Rückenschmerzen sein. Natürlich kann es das aber auch sein.
Die Frage ist immer: Passen die Symptome zur Diagnose? Und zu oft habe ich erlebt, dass dies nicht der Fall war.
Dann sind Veränderungen an der Bandscheibe sowas wie Falten im Inneren. Denn bei Falten im Gesicht würde ja auch niemand sagen: "Sie haben eine degenerative Gesichtserkrankung"
2
Bandscheibenvorfälle können heilen
Einmal Bandscheibe, immer Bandscheibe? Zum Glück nicht!
Eine Studie, im im Journal of Orthopaedic Surgery veröffentlich wurde, lässt an diesem vermeintlich allgemeingültigem Glauben zweifeln [2].
Im Abstand von drei Monaten wurde Betroffene mit einem symptomatischen Bandscheibenvorfall ins MRT geschoben. Die Symptome: Rückenschmerzen und ausstrahlende Beschwerden ins Bein.
Das Spannende: Nach 6 bis 12 Monaten hatten 88% eine deutliche Linderung der Symptome. Dies zeigte sich auch auf dem MRT.
Die Schlussfolgerung: Bandscheibenvorfälle haben einen natürlichen Heilungsverlauf!
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Auf die Größe des Vorfalls kommt es an
Je größer der Bandscheibenvorfall, desto schlimmer ist es, oder?
Auf der einen Seite kann das stimmen. Größere Bandscheibenvorfälle KÖNNEN mit stärkeren Symptomen einhergehen; müssen sie aber nicht.
Auf der anderen Seite haben größere Bandscheibenvorfälle auch deutlich bessere Heilungschancen. Dies zeigte eine Untersuchung, die 2015 im Fachmagazin Clinical Rehabilitation veröffentlich wurde. Die Daten sind beeindruckend.
Nicht nur zeigten sie, dass eine Resorption von ausgetretenem Bandscheibenmaterial sehr häufig auftritt.
Die Forscher zeigten außerdem, dass dies wahrscheinlicher auftritt, je mehr Material ausgetreten ist. So trat das Phänomen bei 41% der Probanden mit eine Protrusion auf. Bei den Probanden mit einem Sequester in stolzen 96% der Fälle! [3]
Woran liegt das?
Die Theorie: Je mehr proinflammatorisches Bandscheibenmaterial austritt, desto stärker die Entzündungsreaktion. Und diese ist enorm wichtig, damit der Heilungsprozess ablaufen kann [4].
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Es darf nicht mehr auf den Nerv drücken...
Die Annahme klingt plausibel: Erst wenn ausgetretenes Material nicht mehr auf den Nerv drückt, gehen ausstrahlende Symptome zurück.
Aber auch das lässt sich wissenschaftlich nicht bestätigen.
Bereits in den 50ern Jahren zeigten die Ärzte Smyth und Wright, dass eine Kompression von Nerven allein nicht ausreichend ist, um ausstrahlende Symptome auszulösen. Es MUSS zusätzlich eine Entzündung vorhanden sein [5].
Dies spiegelt auch die oben erwähnte Untersuchung wieder. Takada und Kollegen zeigten nämlich zusätzlich, dass die Symptome besser wurden, BEVOR sich Bandscheibenmaterial zurückgebildet hat [1].
Die Wahrheit ist also: Bandscheibenvorfälle heilen ab. Gleichzeitig können die Symptome in vielen Fällen besser werden, auch wenn sich das Bild überhaupt nicht verändert.
Darum empfehlen moderne Leitlinien für Ärzte auch, dass die Behandlung an die Symptome angepasst wird; nicht an den Bildbefund.
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Müssen Bandscheibenvorfälle operiert werden?
Die Angst ist groß, dass nur eine OP helfen kann. Und ja: In manchen Fällen ist eine OP auch die beste Option.
Manchmal MUSS schnellstmöglich operiert werden, wenn sogenannte Red Flags auftreten, z.B.:
- Taubheit
- Inkontinenz
- starke Kraftverlust
In allen anderen Fällen ist es eine Abwägungssache. Ich hatte Kunden, die von einer frühzeitigen OP begeistert waren. Andere wiederum nicht.
Fakt ist: Betroffene, die sich frühzeitig für eine OP entscheiden, haben schneller eine Linderung der Symptome. Vergleichen wir aber Probanden mit OP und ohne OP, sind die Ergebnisse nach 12 Monaten etwa gleich [6].
Und ich finde: Dies sind gute Nachrichten. Denn beides sind völlig valide Optionen. Wer schneller seine Symptome verbessern möchte, kann sich für einen operativen Eingriff entscheiden. Wer eine hohe Schmerztoleranz hat (vor allem anfangs) kann mit einer konservativen Therapie ebenfalls gute Ergebnisse erzielen.
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Zusammenfassung
Über Bandscheibenvorfälle kursieren jede Menge gefährliche Halbwahrheiten, z.B.:
- Einmal Rücken, immer Rücken
- Nur eine Operation kann helfen
- Erst wenn es nicht mehr auf den Nerv drückt, gehen ausstrahlende Beschwerden zurück
Aber es geht auch anders!
In diesem Artikel haben wir über 5 wichtige Fakten gesprochen, die jeder Physio seinen Patienten mit Bandscheibenvorfall mitgeben sollte.
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Über Felix
Meine Name ist Felix Kade und ich arbeite als Personal Trainer in Leipzig, sowie als Dozent für (Reha-)Trainer in ganz Deutschland. Unter anderem bin ich ausgebildet als medizinischer Fitnesstrainer, Reha-Trainer für Orthopädie, Faszientrainer und vieles mehr.
Durch moderne Erkenntnisse aus der Neuro- & Schmerzwissenschaft helfe ich meinen Klienten, den Schmerzkreislauf schneller hinter sich zu lassen und wieder mehr Zeit sowie Energie für die wichtigen Dinge im Leben zu haben.

Titelbild: jan-otto - canva.com
[1] Brinjikji, W., Diehn, F. E., Jarvik, J. G., Carr, C. M., Kallmes, D. F., Murad, M. H., & Luetmer, P. H. (2015). MRI findings of disc degeneration are more prevalent in adults with low back pain than in asymptomatic controls: a systematic review and meta-analysis. American Journal of Neuroradiology, 36(12), 2394-2399.
[2] Takada, E., Takahashi, M., & Shimada, K. (2001). Natural history of lumbar disc hernia with radicular leg pain: spontaneous MRI changes of the herniated mass and correlation with clinical outcome. Journal of orthopaedic surgery, 9(1), 1-7.
[3] Chiu, C. C., Chuang, T. Y., Chang, K. H., Wu, C. H., Lin, P. W., & Hsu, W. Y. (2015). The probability of spontaneous regression of lumbar herniated disc: a systematic review. Clinical rehabilitation, 29(2), 184-195.
[4] Albert, H. B., Sayari, A. J., Barajas, J. N., Hornung, A. L., Harada, G., Nolte, M. T., ... & Tkachev, A. (2024). The impact of novel inflammation-preserving treatment towards lumbar disc herniation resorption in symptomatic patients: a prospective, multi-imaging and clinical outcomes study. European Spine Journal, 33(3), 964-973.
[5] Smyth, M. J., & Wright, V. J. (1958). Sciatica and the intervertebral disc: an experimental study. JBJS, 40(6), 1401-1418.
[6] Peul, W. C., van den Hout, W. B., Brand, R., Thomeer, R. T., Koes, B. W., & Leiden-The Hague Spine Intervention Prognostic Study Group. (2008). Prolonged conservative care versus early surgery in patients with sciatica caused by lumbar disc herniation: two year results of a randomised controlled trial. Bmj, 336(7657), 1355-1358.